Das Geheimnis des Erfolges
Konstantin Koll: viel mehr als Jugend forscht
Abiturjahrgang 1997
Die Rubrik, in der dieser Text erscheint, heißt Das
Geheimnis des Erfolges. Worin genau dieses Geheimnis liegt,
weiß ich auch nicht. Ich kann nur versuchen, in den folgenden
Zeilen meinen Weg in der Hoffnung nachzuzeichnen, dass dadurch
vielleicht ein Stück dieses Geheimnisses zum Vorschein kommt.
Mein Team und ich arbeiten seit geraumer Zeit an einem neuen
PC-Betriebssystem, das den Computer endlich einfach zu benutzen und
vor allem zuverlässig machen soll. Wenn Sie beruflich oder
privat mit Computern zu tun haben, dann wissen Sie sicherlich, dass
das mit herkömmlichen Systemen Utopie ist. Im zarten Alter von
zwölf Jahren wurde auch ich mit dieser harten Realität
konfrontiert. Doch getreu dem Motto Unmögliches erledigen wir
sofort, nur Wunder brauchen etwas länger habe ich nicht
resigniert, sondern mir Gedanken gemacht, wie man Abhilfe schaffen
könnte. Das war 1990.
Als Hobby habe ich mir im Laufe der nächsten Jahre das
Programmieren angeeignet. Zunächst habe ich BASIC gelernt, die
einzige Programmiersprache, die es damals für meinen alten
Dinosaurier-Computer gab (Apple 2). Später kam der Wechsel zum
PC und zu den Programmiersprachen Pascal und Assembler. Zum
Glück ist von diesen stümperhaften Versuchen heute nichts
mehr übrig, denke ich bei mir. Während dieser Jahre
erlebte ich mehr als einmal die Tücken der Computer, zum
Beispiel als ein gestern erstellter Englischaufsatz durch Versagen
des Betriebssystems am anderen Morgen nicht mehr gedruckt werden
konnte und der Lehrer deshalb zwei Stunden später mit einem
Tadel drohte. Zum Glück für mich hat an jenem Morgen der
Kopierer gestreikt, so dass der Lehrer ebenfalls mit technischem
Versagen konfrontiert war und mir geglaubt hat.
Im Sommer 1994 wurde die Fernsehserie Star Trek - The next
generation wiederholt. Ich fand die Serie damals sehr unterhaltsam,
ohne zu wissen, dass die dort vorgestellte fiktive Technologie
für mich später einmal sehr wichtig werden würde.
Immerhin: bis auf seltene Ausnahmefälle funktionieren dort die
Computersysteme reibungslos, und jeder kann sie benutzen. Aber das
nur am Rande.
Kennen Sie das eigentlich auch ? Es gibt einige wenige Momente im
Leben, in denen man für den Bruchteil einer Sekunde glaubt,
absolute Klarheit der Gedanken zu haben: man meint, in die Zukunft
sehen zu können. Im Herbst 1994 war ich im Urlaub, als mir an
einem Kiosk eine Computerzeitschrift in die Hand fiel. Dort wurde ein
neues Computerspiel vorgestellt, dessen Abenteuer im Star
Trek-Universum stattfinden. Ich habe mir die Zeitschrift
gekauft und gelesen. Plötzlich wurde mir klar, dass die fiktive
Computertechnik der Enterprise der Schlüssel zur Erstellung
eines neuartigen Betriebssystems ist. Der Urlaub wurde für mich
plötzlich mehr als langweilig, und ich sehnte den Augenblick der
Heimfahrt bei. Direkt nach der Rückkehr begann ich mit der
Programmierung eines Fenstersystems, das sich auf dem Bildschirm
ähnlich darstellt wie die Computer an Bord von
Föderationsraumschiffen. Wie ich heute weiß, war das eine
der besten Entscheidungen meines Lebens, denn viele Kunden
bestätigen, dass die Benutzung wirklich kinderleicht ist.
Um dieses Fentersystem wurde dann im Laufe der Zeit immer mehr
herumgebaut: grundlegende Grafikfunktionen, ein 3D-System, viele
Anwendungsprogramme, Spiele und ein eigenes Dateisystem, das auch
gleich mit einigen Unzulänglichkeiten bestehender Systeme
aufgeräumt hat. Ab diesem Zeitpunkt haben mich vor allem vier
Freunde bei meinem Projekt unterstützt: Andreas Entrich,
Martin Rusch sowie Sabine und Tina Geck. Ohne
sie wäre alles sicher nicht so schnell gegangen.
Der nächste Meilenstein auf meinem Weg war zunächst einmal
eine Niederlage: ich war mittlerweile in Stufe 13 angelangt und hatte
Mathematik und Physik als Leistungskurse. Eine Klausur in Physik ist
nicht ganz so ausgefallen wie erhofft; um dennoch meine Zeugnisnote
zu retten, bot mir Herr Müller-Immenkamp an, ein Referat
über Elektronen-Orbitale zu halten. Natürlich habe ich
zugesagt und sogleich ein DESKWORK-Programm erstellt, das
während meines Referates den Sachverhalt veranschaulicht hat.
Die Sache hat funktioniert; das Programm aber geriet in Vergessenheit
und verschwand in einer dunklen Schublade.
Im Sommer 1997 kam das Abitur, begleitet von vielen Prüfungen
und noch mehr Feierlichkeiten. Eine Woche nach dem ABI-Ball trat ich
meinen Zivildienst im Endoskopie-OP der Lungenklinik in Hemer an; das
war im Nachhinein eine schöne Zeit - mit vielen Höhen und
leider auch einigen Tiefen. Während meines Zivildienstes hatte
ich vor allem immer genügend Zeit, um die Entwicklung von
DESKWORK voranzutreiben. Als ich durch Zufall mal wieder im Gymnasium
war, schlug mir Herr Müller-Immenkamp vor, mit meinem alten
Referats-Programm am Wettbewerb Jugend forscht teilzunehmen. Ich
sagte wieder zu, und zusammen begannen wir, das alte Programm
aufzumöbeln und wettbewerbstauglich zu machen.
Im Februar 1999, also ein Jahr später, fand der Wettbewerb in
Dortmund statt. Inzwischen war ich auch in diese Ruhrgebietsmetropole
umgezogen, um an der dortigen Universität Informatik und
Theoretische Medizin zu studieren. Bei Jugend forscht war ich
erfolglos, zumindest was den Wettbewerb anging. Das Orbitalprogramm
ist zwar von der Jury abgelehnt worden, fand jedoch bei der
anschließenden Präsentation großen Anklang bei der
Öffentlichkeit. Vor allem fiel das Betriebssystem einer freien
Journalistin auf, die sogleich begann, einen Artikel für die
Zeitung zu schreiben. Außerdem wurde ich von Eins Live zu
einem Radiointerview und einem Auftritt im mittlerweile abgesetzten
Eins-Live-TV nach Köln eingeladen.
Die Resonanz war überwältigend: ich hatte in den
nächsten Tagen etwa 200 EMails von Personen und Unternehmen, die
mehr über mein System erfahren wollten. Es war peinlich, sie zu
vertrösten, denn an eine Veröffentlichung war bis dahin
noch gar nicht gedacht worden. Mit meinem Team - mittlerweile auf
Andreas, Martin und Sabine geschrumpft - habe ich DESKWORK bis zum
Sommer 1999 zur Marktreife weiterentwickelt. Der Verkauf lief an; vor
allem durch einen Auftritt im Computer-Club haben wir ca. 1100
Exemplare verkauft, die auf 1500 Computern installiert wurden. Aus
beruflichen und privaten Gründen hatten uns inzwischen Andreas
und Sabine verlassen, was zur Arbeitsteilung zwischen Martin und mir
führte: ich entwickle das Programm weiter, während Martin
sich um Kunden und Vertrieb kümmert.
Leider begannen sich ab November die Probleme zu häufen: unsere
Bank hat (durch EDV-Fehler !) Überweisungen nicht auf den
Kontoauszuügen ausgedruckt, was bei einem Verkauf per Vorkasse
sehr fatal ist. Zusätzlich kam es immer öfter zu Problemen
durch Disketten, die von der Post mechanisch beschödigt oder
schlicht gelöscht wurden. An einem Tag habe ich 75 EMails von
Kunden erhalten, die sich über eines dieser Probleme beschwert
haben.
Zum Glück verstärkt seit November Sarah Gunter das Team,
zumindest bis zu ihrem Abitur im Sommer 2000. Sie löst Sabine
ab, die bis dahin die Programme unermüdlich auf Fehler getestet
hat. Zusammen haben wir drei eine neue Version des Programms auf die
Beine gestellt und das Versandsystem reformiert, so dass die oben
beschriebenen Probleme der Vergangenheit anghören. Was die
Zukunft bringen wird, weiß ich leider auch nicht, aber ich
denke, dass die Zeit für ein System wie DESKWORK reif ist, denn
immer mehr Menschen wollen oder müssen mit Computern arbeiten.
Und kaum ein Benutzer möchte dicke Handbücher wälzen,
und über Datenverlust und Abstürze freut sich auch niemand.
Und - was ist nun das Geheimnis des Erfolges ? Eine gute Frage.
Für mich haben auf jeden Fall zwei Dinge zu meinem doch recht
bescheidenen Erfolg beigetragen: erstens die Fähigkeiten, sich
bietende Chancen zu erkennen und zu ergreifen, zweitens eine Menge
guter Freunde und Bekannter, ohne die mein Weg an vielen Stellen
gescheitert wäre.
Bleibt noch etwas zu sagen ? Oh ja, natürlich: Ähm,
Computer: Datei speichern und Programm beenden !
Konstantin Koll